Mit spitzer Feder …

Unsere Gesellschaft verdrängt den Tod. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass der Tod heute nicht mehr so präsent ist wie früher. In der gesteigerten Lebenserwartung widerspiegelt sich der medizinische und technische Fortschritt, der uns gleichzeitig das trügerische Gefühl gibt, der Tod sei etwas, das wir auf einen unbestimmten Zeitpunkt hinausschieben könnten. Das Sterben ist für uns ein Unfall, ein Versagen der Medizin, ein Kampf, der verloren ist. Der natürliche Umgang mit dem Tod haben wir leider verlernt. Der Tod ist in unserem Alltag kaum noch präsent. Aber der Mensch ist nun mal sterblich. Und manchmal gibt es Momente, da müssen Ärzte ihre Zielsetzung, zu heilen ändern. Dann geht es um ein würdevolles, selbstbestimmtes und möglichst schmerzloses Ende. Der Tod ist für mich kein Tabu. Als neugieriger und spiritueller Mensch und als gläubige Christin begegnet mir der Tod immer mal wieder. In den letzten drei Jahren, als ich meinen Vater in seiner Demenzkrankheit begleitet hatte, war der Tod unser steter Begleiter. Ich habe ihn immer gespürt – anfangs war er auf Distanz, wie ein Fremder, den man weit weg im Nebel ordert. Dann taucht er wieder ab und die weissen Silberfäden verschluckten ihn, aber seine Energie ist deutlich spürbar – so ein leichtes Vibrieren in der Luft. Er tauchte immer mal wieder auf und setzte sich zu uns an den Kaffeetisch wie ein flüchtiger Bekannter, der ab und zu – wenn es der Zufall will – einem Gesellschaft leistet, aber doch immer auf dem Sprung ist. Er war willkommen in unserer Vater-Tochter-Runde, denn es war unumgänglich, dass er meinen Vater zum letzten Tanz auffordern würde. 23 Monate waren wir so zu Dritt unterwegs. Es war eine unglaubliche Erfahrung, die mein bisheriges Leben vollständig relativierte. Die grösste Lektion meines Lebens.
Wir haben in der letzten Lebenszeit meines Vaters sehr viel über das Sterben gesprochen und mit vielen, vielen Fragen gerungen. Er war sich stets bewusst, dass sein Leben bald zu Ende sein würde. Er hat das mit so viel Würde und Haltung getragen, mit so viel Dankbarkeit und Demut vor den göttlichen Mächten, dass sich die erschreckende, ungewisse Energie des Todes in eine versöhnende, hoffnungsvolle Kraft umwandelte. Die Besuche bei Vater, die Gespräche, seine fortschreitende Demenz, sein Körper und sein ganzes Sein, das langsam erodierte und abgetragen wurde wie ein Fels in der Brandung – dies alles führte dazu, dass ich mich monatelang mit unserem Endlichkeits- und Todesbewusstsein, das mit der Frage nach dem Sinn des Lebens und unserem Sinn einhergeht, beschäftigte. Die Frage dehnt sich schnell auf die Sinnhaftigkeit der Welt aus, die uns hervorgebracht hat, das Universum selbst und seine Existenz. Und damit endlich die Frage nach unserer Schöpfung und nach Gott.
Wir müssen sterben. Alle. Und wir wissen nicht, wie das geht. Keiner. Das Sterben lässt sich nur von aussen beobachten, und diesen Anblick meiden wir, weil er uns mit einer so schrecklichen Hilflosigkeit erfüllt. Es tat weh und der Schmerz liess mein Herz und meine Seele immer wieder ganz willkürlich erbeben – doch da war noch eine andere Energie, als ich am Sterbebett meines Vaters sass. Eine stille Kraft, zuerst zaghaft, hell, glitzernd. Sie wurde immer präsenter, stärker, intensiver, leuchtender. Ein wohliges Gefühl, Geborgenheit, Sicherheit, Stille, Frieden und eine Zuversicht erfasste mich – und auch Vater. Es war, als ob die göttlichen Mächte tausend goldglänzende Sterne über uns regnen liessen. Und wenn auch heute noch der Schmerz des Verlustes in mir tobt, so ist da gleichzeitig noch Dankbarkeit, Demut und ganz viel Liebe. Der Tod ist der Punkt, wo die Liebe anders beginnt zu klingen. Es gibt Momente, in denen die Zeit stillzustehen scheint: Wenn Erinnerung und Gegenwart sich begegnen, entsteht etwas, das grösser ist als beides. Ein Gefühl von Nähe, das kein Ende kennt. Vielleicht ist es genau das, was Ewigkeit bedeutet: nicht das unendliche Fortbestehen, sondern das bleibende Gefühl, dass etwas weiterlebt – in Gedanken, in einer Geste, in einem Lächeln, das uns unverhofft an etwas Schönes erinnert. Oft vergessen wir, dass jedes Sterben eine Geburt vorbereitet. Denn das Ende ist nicht das Gegenteil von Leben – es ist seine Voraussetzung.
Herzlichst,
Ihre Corinne Remund
Verlagsredaktorin







