Ein Leben zwischen Papier und Worten


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Es ist kein Geheimnis: Ich liebe Papier. Es umgibt mich, begleitet mich – es gehört zu meinem Leben wie andere Menschen ihre Musik oder ihre Lieblingsorte brauchen. Papier ist für mich nicht einfach ein Material. Es hat Charakter, Stimmung, Geschichte. In einer sogenannten «Wühlkiste» sammle ich Papier aller Art: Seidenpapier, Packpapier, Geschenkpapier, Verpackungspapier. Papier in allen Formen, Farben und Strukturen – mit Glitzer oder ohne, bedruckt mit wilden Mustern oder ganz still und schlicht. Papier aus alten Büchern, aus Zeitungen und Hochglanzmagazinen. Ja, sogar glatt gestrichenes Schoggipapier findet bei mir einen Platz. Und je älter das Papier ist, desto mehr erzählt es. Meine Liebe zum Papier begann früh: Als Kind zog ich Bücher aus dem Regal, blätterte sie immer wieder durch, strich über die Seiten, hörte das Rascheln. Manchmal riss ich auch eine Seite heraus, zerknitterte sie, zerfaserte sie in kleine Schnipsel. Nicht aus Zerstörungswut – sondern aus Neugier. Papier fühlte sich in meinen kleinen Händen einfach richtig an. Es knisterte, es lebte. Später, in der Schule, war der Beginn eines neuen Heftes ein kleines Fest. Ich war erstaunlich wählerisch bei der Auswahl meiner Schulhefte und Blöcke. Sie mussten stimmen – in Farbe, Papierstärke, Oberfläche. Nur dann durften sie auf meinem Schreibtisch liegen.

    Papeterien waren für mich magische Orte. Der Geruch nach Papier, Holzstiften und Druckfarbe lag dort in der Luft. Ich habe ihn tief eingeatmet. Er machte mich glücklich. Stundenlang konnte ich zwischen Regalen stehen und nach «meinem» Papier suchen. Es musste zu mir passen – und zu seinem Zweck. Mit weniger gab ich mich nie zufrieden. Ebenso wichtig wie das Papier, sind für mich die Stifte. Ich liebe es, Stifte aller Art auszuprobieren. Jeder hinterlässt seine eigene Spur. Manche Farbstifte sind weich, sie gleiten über das Papier, als würden sie darauf schmelzen. Andere bieten Widerstand. Mit ihnen kann man die Oberfläche beinahe modellieren, die Papierfasern aufrauen, Strukturen sichtbar machen. Bevor ich ein Papier verwende, streiche ich darüber. Ganz langsam. Mit den Fingerspitzen. Ich spüre den Widerstand, die Rauheit, die Glätte. Fast immer weiss ich danach sofort, welcher Stift zu diesem Papier passt: ein Brush Pen, ein Handlettering-Stift oder ein Füllfederhalter. Papier zu streicheln macht also nicht nur glücklich – es ist für mich Teil eines stillen Dialogs zwischen Hand, Material und Idee. Diese Faszination ist geblieben. Und sie beschränkt sich längst nicht mehr nur auf liniertes oder kariertes Papier. Wenn ich unterwegs bin, zieht es mich fast automatisch in jede Schreibwarenabteilung. Immer wieder entdecke ich neue Papierarten, neue Oberflächen, neue Möglichkeiten. Was bei anderen vielleicht CDs oder Sammelfiguren sind, sind bei mir Papiere, Postkarten und Notizbücher. Mit den Jahren habe ich ein feines Gespür dafür entwickelt, welches Papier wofür geschaffen ist.

    Papier schenkt Zeit und Raum. Dazu gehören für mich auch Bücher und Zeitungen – für mich sind sie kleine Kunstwerke aus Papier. Ich lese gerne und oft. Gedruckte Worte können den Geist beflügeln, Gedanken öffnen, Welten erschliessen. Wenn ich eine Zeitung oder ein Buch in den Händen halte, entsteht eine besondere Beziehung zum Text. Das Gewicht des Buches, das leise Rascheln der Seiten, der Duft des Papiers – all das spricht meine Sinne an. Lesen wird zu einer körperlichen Erfahrung. Man taucht tiefer ein, wird langsamer, aufmerksamer. Ein gedrucktes Buch verlangt Zeit. Es verlangt Ruhe. Gedanken dürfen sich entfalten, ohne dass ein Bildschirm blinkt, eine Nachricht aufpoppt oder ein Link zum nächsten Thema lockt. Vielleicht liegt darin der eigentliche Zauber des Papiers: Es ist beständig. Es trägt Gedanken über Jahre, manchmal über Jahrhunderte. Ein gedruckter Text ist mehr als ein flüchtiger Datenstrom. Er ist ein Stück Kultur – etwas, das man aufbewahren, weitergeben und immer wieder neu entdecken kann.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

    Vorheriger ArtikelInfo-Abend «Selbständigkeit mit ParaMediForm»
    Nächster ArtikelTemporärbau auf Weltklasse-Niveau